Praxis Herzberg AM
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Osterspuren

Wo einer dem andern neu vertraut

und mit ihm eine Brücke baut,

um Hass und Feindschaft zu  überwinden,

da kannst du Osterspuren finden.

 

Wo einer am Ende nicht verzagt

und einen neuen Anfang wagt,

um Leid und Trauer zu überwinden,

da kannst du Osterspuren finden.

 

Wo einer das Unrecht beim Namen nennt

und sich zu seiner Schuld bekennt,

um das Vergessen zu überwinden,

da kannst du Osterspuren finden.

 

Wo einer das Unbequeme wagt

und offen seine Meinung sagt,

um Schein und Lüge zu überwinden,

da kannst du Osterspuren finden.

 

Wo einer gegen die Strömung schwimmt 

und fremde Lasten auf sich nimmt,

um Not und Leiden zu überwinden,

da kannst du Osterspuren finden.

 

Wo einer dich aus der Trägheit weckt

und einen Weg mit dir entdeckt,

um hohe Mauern zu überwinden,

da kannst du Osterspuren finden. 

 

(Evang. Gesangbuch, Text: Reinhard Bäcker 1986)

 

01/04/2018

Ostern ist das größte Fest im Christentum, an dem Christen in der ganzen Welt die Auferstehung Jesu von den Toten feiern. An Ostern siegt das Leben über den Tod - Leben angesichts des Todes.

 

Für  Menschen in Trauer ist das meist nur schwer auszuhalten und nachvollziehen. Haben sie doch gerade die Macht des Todes mit aller Wucht kennengelernt, müssen spüren, dass all ihre Hoffnung, Zuversicht, Kraft und Liebe, vielleicht alle ärztliche Kunst das Sterben eines lieben Angehörigen, einer für sie wichtigen Person, nicht verhindern konnte. Sie haben die Eiseskälte und das Zittern des Herzens gespürt, als sie vielleicht am Totenbett, am Sarg und am Grab den letzten Abschied genommen haben. Sie wissen, wie endgültig und unabänderlich der Tod ist. Der Platz eines für sie ganz besonderen Menschen bleibt künftig leer, eine vertraute Stimme schweigt für immer.

 

Nicht immer ist es der Tod eines Menschen, der große Trauer hervorruft, sondern manch andere Verluste können diese überwältigenden Gefühle von Traurigkeit, auch von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht und in der Folge manchmal auch von Sinnlosigkeit und Einsamkeit auslösen. Es mag auch der Abschied von einem geliebten und treuen Haustier sein, eine schmerzhafte Trennung, das Platzen eines Lebenstraumes, eine schwere Erkrankung, die das gesamte Lebenskonzept aus der Bahn wirft oder manch anderes mehr.

 

Doch wie geht man nun als Betroffener damit um? Wie lebt man weiter angesichts von Tod und Verlust? Wie findet man seine persönlichen „Osterspuren“?

 

Trauer braucht vor allem Zeit und viel Geduld, die leider in der individuell nötigen Form in unserer Gesellschaft meist nicht gewährt wird. Im Augenblick des Todes scheinen auch für die Zurückgebliebenen die Uhren für einen Moment still zu stehen, auch wenn die Welt um sie herum sich offenbar weiterdreht wie zuvor. Schon nach wenigen Tagen soll man wieder „funktionieren“, in Beruf und Alltag seine gewohnten Pflichten erfüllen, mehr noch, optimistisch nach vorne schauen, die geweinten und nicht geweinten Tränen verbergen. Die kurze „Schonfrist“ genügt meist nicht und auch mit einem klassischen „Trauerjahr“ ist bei den meisten Menschen das Trauern längst nicht vorbei, sondern oft schwappt es gerade danach nochmals in heftigen Wellen über sie hinweg und reißt sie mit sich fort. Manchmal ganz unerwartet und plötzlich „aus dem Nichts heraus“ und manchmal vorhersehbar an bestimmten Erinnerungstagen oder in speziellen Situationen oder an besonderen Orten. Urplötzlich tritt der Schmerz mit aller Kraft wieder hervor und rüttelt an den Grundfesten des eigenen Seins. Trauerzeit bedeutet für viele Menschen eine regelrechte Krisenzeit. Doch jede Krise birgt in sich auch die Chance auf einen Neubeginn und – ganz allmählich, im eigenen Rhythmus und Schritt für Schritt, wogen nach und nach die Wellen weniger hoch, lodert das Feuer weniger heftig, gelingt es, sich schneller wieder zu orientieren und zu regulieren und im Leben weiterzugehen, tatsächlich irgendwann mit neuer Erfüllung, Zuversicht und Lebensfreude.

 

In einer meiner ersten Ausbildungen zum Thema Trauer hörte ich den Satz: „Trauern dauert so lange wie es dauert.“ Ja, so schlicht und einfach ist es – für jeden einzelnen Menschen gibt es kein Zeitmaß, an dem die Trauerzeit gemessen werden könnte, sondern es ist ein ganz individueller Prozess, der Zeit braucht, so lange bis der Schmerz des Verlustes sich allmählich wandeln kann in Annahme und Akzeptanz dessen, was war, was jetzt ist und was nie mehr sein wird und damit einhergehend der Transformation in ein tröstliches Gefühl von bleibender Erinnerung in Liebe und Dankbarkeit.

 

Für viele Menschen ist dies ein schwerer und steiniger Weg, ein langwieriger und sehr komplizierter Prozess. Und nicht immer gelingt es oder ist es sinnvoll, diesen Weg alleine zu gehen. In meiner Praxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz nimmt auch der Bereich „Lebensberatung & Trauerbegleitung“ einen elementaren Platz ein. Für manche klingt das widersprüchlich, doch genau das gehört für mich unabdingbar zusammen: Leben angesichts des Todes - vom Zustand der tiefen Trauer allmählich weitergehen und hineinwachsen und hineinfinden in den Zustand neuen hoffnungsvollen und lebenswerten Lebens. Somit ist der Beginn des Trauerprozesses, möge er noch so schwer sein, immer auch der Aufbruch in eine neue, in eine andere Lebens-Zeit. Auch auf diesen Hintergründen hat es für mich persönlich eine ganz besondere Bedeutung, dass ich meine Praxis genau am Ostertag eröffnen kann.

 

Mit dem obigen neueren Kirchenlied mit dem Titel „Osterspuren“ wünsche ich Ihnen heute frohe Ostern!

 

 

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