Praxis Herzberg AM
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Beharrlichkeit

Große Werke werden nicht durch Stärke,

sondern durch Beharrlichkeit vollbracht. 

(Samuel Johnson)

 

 

 

 

 

05/04/2018

 

An diesen Satz musste ich heute früh auf dem Weg zur Arbeit unwillkürlich denken, als ich mir etwas Zeit nahm, um „unseren“ Hausstorch dabei zu beobachten, wie er geduldig und unermüdlich in seinem roten Schnabel Baumaterial zu dem von ihm auserkorenen Nistplatz transportierte. Schon seit einigen Jahren ist er uns treu und erfreut uns in der milden Jahreszeit allmorgendlich mit seinem fröhlichen Geklapper und begrüßt mich damit, wenn ich mein Dachfenster in der Frühe im Badezimmer öffne.

 

Zweifellos: er hat sich verliebt – wohl in die schönste Storchendame aller Zeiten ... und in diesen schmalen, hohen Spannungsumsetzer in unserem Garten, auf dem er stundenlang auf einem oder beiden Beinen stehend die Umgebung beobachtet und seine Herzallerliebste mit seinen Kapriolen an seine Seite zu locken versucht. Seit letztem Jahr hat er es sich in den Kopf gesetzt, an der obersten Spitze dieser höchsten Erhebung im Umkreis sein Nest zu bauen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ... es gibt kein Plateau oder keine Unterlage, auf der das Baumaterial stabilen Halt finden würde, sondern nur etliche Kabelstränge, die hier an diesem hohen Mast von den wenigen angrenzenden Häusern, die noch mit einer Oberleitung versorgt werden, zusammenlaufen.

 

Im letzten Jahr hatte er erstaunlich große Fortschritte erzielt, sogar seine Herzdame hatte ihn bereits ab und an für ein kurzes Stelldichein besucht und ihn wohl für sein stetiges Mühen gelobt. Dicht an dicht standen sie – jeder nur auf einem Bein, weil es mehr Platz einfach nicht gab – nebeneinander auf dem engen Hochsitz. Doch dann, eines Tages in der Mittagszeit, war im Wortsinn „schlagartig“ Schluss mit all den schönen Träumen. Es tat einen mächtig lauten Schlag als es durch die zwischen den Spannungsdrähten wirr angehäuften Äste und Zweige zu einem Kurzschluss kam, der den Großteil unseres kleinen Dorfes für etliche Stunden abrupt von der örtlichen Stromversorgung abschnitt. Storch und Störchin waren zum Glück gerade nicht zu Hause! Der Schreck saß offensichtlich tief, das Bauvorhaben wurde für den Rest des Jahres aufgegeben und eingestellt. Vermutlich blieb das Paar kinderlos, denn die beste Jahreszeit für die Familienplanung war vorbei.

 

Doch nun: neues Jahr, neues Glück! Seit etlichen Tagen ist er wieder eifrig bemüht, seinen Plan in die Tat umzusetzen als hätte er ganz und gar die Niederlage im vergangenen Jahr vergessen. Von morgens bis abends streift er nun wieder im Tiefflug zwischen den Häusern hindurch, stets auf der Suche nach möglichst geeignetem Nistmaterial, das er dann in seinem Schnabel zu seinem auserwählten Traumhaus trägt und mit mehr oder weniger Geschick versucht, zu einem Nest zu verflechten. Immer wieder fällt ein Großteil des Nestes herunter und landet zwischen unseren Himbeersträuchern darunter oder auf der angrenzenden Rasenfläche des Nachbarn. Doch unser Storch lässt sich nicht abhalten von seinem Plan. Beharrlich, stur, geduldig, eifrig, ausdauernd, unablässig, tatkräftig, energisch, emsig, unermüdlich, zuversichtlich, mutig, tollkühn, freudvoll ... die Worte gehen mir kaum aus, um sein Tun zu beschreiben, wenn ich ihn sehe und zwischendurch auch höre, sobald er seine Erfolgsmeldung laut klappernd in die Umgebung tönt.

 

Einen Kurzschluss wird es vermutlich nicht mehr geben, da die Ortsgemeinde im vergangenen Jahr nach dem unglücklichen Zwischenfall dafür sorgte, die reparierten Elektroanschlüsse entsprechend abzusichern. Aber ob das Nest wirklich irgendwann Halt bieten wird für eine gemütliche Kinderstube? Und ob seine sehnsuchtsvoll erwartete Auserwählte ihn überhaupt erhören und wieder zu ihm zurückkehren wird? Für unseren tapferen Storch mit seinen langen roten Beinen und seinem spitzen Schnabel scheint das völlig außer Zweifel zu stehen. Auf jeden Fall scheint er sich mit solchen Überlegungen nicht aufzuhalten und widmet sich nicht nur mit vollem Einsatz dem Nestbau, sondern zwischendurch auch der ausgiebigen und genüsslichen Gefiederpflege auf einem Bein, vielleicht auch der Attraktivität wegen?

 

Und wie ist das nun für uns federlosen kritischen Zweibeiner da unten? Die Meinungen gehen da auseinander. Manche Nachbarn diskutieren, ob es möglich wäre, sein eifriges Tun zu unterstützen und über den Kabelsträngen eine Plattform anzubringen, die den Nestbau erleichtern würde, so wie es in der Umgebung für diesen Zweck ja schon einige Bauhilfen gibt, die der hiesige „Storchenvater“ betreut. Andere sehen die Sache eher skeptisch und möchten den Storch lieber nicht hier haben, weil es anscheinend schon zu viele in unserer Gegend gibt. Wir und unsere direkten Nachbarn, die ja eigentlich von allen am ehesten betroffen sind, freuen uns über unseren Storch und seine Treue, über seine Beharrlichkeit und seinen Entschluss, bei uns wohnen zu wollen und uns nicht nur täglich mit seinem lebensfrohen Klappern zu beschenken, sondern ab und an auch mit einer seiner schönen Federn, die sacht in unserem Garten landen.

 

Für mich persönlich verkörpert er mehr als manch anderes das obige Zitat und ist mir täglich ein anschauliches und ermutigendes Beispiel für mein eigenes Tun und meine Haltung.

In diesem Sinne: Große Werke werden nicht durch Stärke, sondern durch Beharrlichkeit vollbracht!

 

 

Update: Beharrlichkeit trägt Früchte!

Die Storchenmama präsentiert voller Stolz ihren Nachwuchs.

Noch ist das Zwillingspärchen auf die Fürsorge der Eltern angewiesen, doch bald schon werden sie ihre Flügel ausbreiten und selbst die Welt erkunden. Es ist täglich erneut schön und persönlich ermutigend, das sich entfaltende Leben ganz nah begleiten zu dürfen.

 

 

17/06/2018

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